Demobericht AGO

Mehr als 350 Menschen demonstrierten am vergangenen Sonntag gegen alltäglichen, sowie staatlichen Rassismus.[1] Bereits zwei Stunden vorher demonstrierten „Freie Kräfte“ durch den Oranienburger Vorort Lehnitz. Diese marschierten unter dem Motto „Kein Platz für Linke Chaoten in Oranienburg“, wobei sie nur eine Größe von 28 bis 39 Personen erreichen konnten.[2] Chronik der Ereignisse:

Im Vorfeld

Seit 1997 gab es diese Antirassismusdemonstration, die ein wichtiger Bestandteil des antirassistisch- antifaschistisch en Kalenders in Oranienburg war. Im Jahr 2008 wurde ein anderes Konzept durchgeführt, was eine Demonstration nicht vorsah. Die neu gegründete Antifa Gruppe Oranienburg [AGO] wollte diese Demotradition wieder aufleben lassen und übernahm daher dieses Jahr die Hauptorganisation.

Wir hatten dabei überlegt sowohl in antifaschistischen Kreisen, als auch in bürgerlich-zivilgesellschaftlichen Kreisen dafür zu mobilisieren. Wir wussten von Anfang an, dass dies ein Spagat werden würde, an dem die Demonstration und auch das Projekt AGO scheitern könne.

Gerade die letzten Wochen vor der Demo waren dabei für uns sehr schwierig, da wir nach und nach alleine standen. Die Stadt und der Bürgermeister wollten/konnten den Aufruf nicht unterstützen und warnten sogar vor dem „schwarzen Block aus Kreuzberg“ der „Autos und Mülltonnen in Brand“ setzen würde.[3] Gleichzeitig gab es die Information, dass selbst die Polizei eine Auflage verfassen wolle, welche vorsah das Demomotto zu ändern. Auch umfangreiche Verbote wie Seitentransparente, Transparente über 2 Meter Länge und Blockbildung waren im Gespräch.[4] Neben also diesen, z.T. berechneten Problemen, tauchte im Februar die Anmeldung einer Neonazigegendemo auf.[5] Dabei war nicht klar, aus welchem Spektrum diese kommt und wo sie lang führt.

Drei Wochen vor der Demo wurden die Diskussionen zwischen uns, der Zivilgesellschaft und der Stadt öffentlich in den Zeitungen ausgetragen. Am Ende stand sowohl das Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt, sowie sämtliche Parteien, Jugendverbände und Zivilgesellschaftliche Institutionen hinter uns.[6] Zwei Tage vor der Demo konnten wir sogar Auflagen per Gericht verhindern. So war es uns am Demotag erlaubt Blöcke zu bilden und Seitentransparente mit einer Länge von bis zu 3 Metern mit uns zu führen.

Auch die Mobilisierung in den antifaschistischen Kreisen Berlins, Brandenburgs und z.T. Mecklenburg- Vorpommerns stimmte uns freudig.[7]

Die Demo – Part I – Die „Freien Kräfte Oranienburg“

Der Tag begann für uns um 13 Uhr, als sich die Neonazis in Lehnitz treffen wollten. Kurz vorher gab es noch Diskussionen zwischen Antifa und Zivilgesellschaft wie mit diesen umgegangen werden solle. Mensch verständigte sich, dass alle Kräfte auf der Antirassismusdemo gebündelt werden und die Nazis ruhig durchs Nichts laufen sollen.

Die Nazidemo wurde von verschiedenen Seiten beworben, sowohl im Thiazi-Forum, als auch bei den Freien Kräften aus dem Vogtland oder den Nazis aus Rhein-Main-Neckar. Allen voran waren die NPD-Spalter „Freies Nationales Bündnis e.V.“ [FNB] diejenigen, die am Demonstrationstag anwesend waren. Nebenbei gab es bei Altermedia einen Artikel, in dem zum Verzicht auf die Neonazidemo aufgerufen wurde und einen weiteren Artikel, der sich mit dem Mitglied des Forums gegen Rassismus und rechte Gewalt, Pfarrer Bernhard Fricke, auseinandersetze.

Die Demonstrationsteilnehmer_Innen hatten kein Transparent bei sich und zwei ihrer Kamerad_Innen bekamen Anzeigen, weil diese Fahnen mit sich trugen, die durch Auflagen verboten waren. Nach unseren Informationen bestand die Demonstration aus zwei Blöcken, wobei der erste Block aus Berliner_Innen und Barnimer_Innen bestand und der hintere aus Oranienburger_ Innen. Unter den Oranienburger_ Innen waren Andreas Rotkohl, der erst vor kurzem wegen eines Hitlergruß’ und einer Körperverletzung vor Gericht saß, sowie 3 weitere Personen aus den NPD/JN-Strukturen. Die Demonstration wurde nicht behindert, fand jedoch auch kein Gehör bei der Bevölkerung.

Die Demo – Part II – „gegen alltäglichen und staatlichen Rassismus“

Bereits ab 14 Uhr sammelten sich Antifaschist_ Innen aus Mecklenburg- Vorpommern, Brandenburg und Berlin auf dem Bahnhofsplatz Oranienburg. Bis zum Start der Demo hatten sich dann fast 250 Personen eingefunden, wobei der größte Teil aus der Zivilgesellschaft und aus dem Parteispektrum bestand. Zu Beginn der Demonstration liefen die Teilnehmer_Innen in Richtung des „Adler Armee Shops“ die Willy- Brandt- Straße herunter. Der „Adler“, ein Laden, der von einem Neonazi betrieben wird, rechtsextremes Material vertreibt und rechtsoffene Jugendliche rekrutiert, wurde währenddessen in einem Redebeitrag thematisiert.[8] Anschließend führte die Demonstrationsroute über die Lehnitzstraße in die Innenstadt, wo ein Grußwort der Wurzener Genoss_Innen vorgelesen wurde. An der Ecke Berliner Straße und Albrecht- Buchmann- Straße gab es erste Konfrontationen, da 2 Neonazis Filmaufnahmen machten und Personen aus dem antifaschistischen Spektrum diese davon abhalten wollten. Dies unterband die Polizei aus Potsdam, die in der Albrecht- Buchmann- Straße dadurch auffiel, dass sie mehrfach Demonstrant_ Innen des vorderen Blocks anpöbelten, provozierten, schubsten und z.T. schlugen. An der nächsten Ecke wurde in Mittelstadt eine Kundgebung abgehalten. In Mittelstadt hat die NPD bei der letzten Kommunalwahl 10% der Stimmen erhalten.[10]

Während dieser Kundgebung wurde ein junger Genosse von Polizeikräften von der
Demonstration getrennt, um eine Anzeige wegen Beleidigung aufzunehmen. Ihm wurde
vorgeworfen, „ACAB“ gerufen und damit Beamte beleidigt zu haben. Leider hat es uns die
Einsatzleitung nicht erlaubt diese Personalienaufnahme abzuwarten. Wir mussten
weiterziehen, während der Genosse später dann jedoch durch Polizeikräfte wieder zur
Demonstration geführt wurde.

Bei dieser Kundgebung wurde auch der zentrale Redebeitrag zum Thema staatlicher
Rassismus von der Hennigsdorfer Antifa Initiative vorgelesen.[11] Über die Erich-Mühsam
Straße, in der Deltef Appel (der KV-Vorsitzende der NPD OHV) wohnen soll, ging es wieder
zurück Richtung Bahnhof. Auf dem Rückweg vermischten sich dann die Blöcke und zum
vorderem Teil kamen immer mehr Jugendliche aus Oranienburg hinzu, wodurch die
Demonstration auf mehr als 350 Personen anwuchs. Es ist inzwischen nicht mehr alltäglich,
dass eine antifaschistische Demonstration an Neonaziläden vorbei laufen darf. Wir hielten
sogar vor einem. „Mäx“ in der Bernauer Straße, unweit vom Bahnhof, verkauft allerhand
Modemarken, die eher dem Nazimilieu der 90er Jahre zuzuordnen sind. Neben diesen wird im
„Mäx“ auch Thor Steinar verkauft, dessen Logo bereits an der Tür des Ladens zu finden ist.
Über die Stralsunder Straße ging es zurück zum Bahnhof, wo die Demonstration nach kurzen
Terminansagen beendet wurde.

FAZIT

Wir haben gehofft, die Marke von 400 Teilnehmern zu knacken, sind aber an dieser Zielsetzung leider gescheitert. Was wir allerdings erreicht haben ist ein Schulterschluss der antirassistischen Initiativen und Menschen Oranienburgs. Auf der Demonstration waren viele Jugendliche aus dem Oranienburger Umland, was uns sehr gefreut hat. Auch die Teilnahme von Brandenburger Antifaschist_ Innen aus fast allen Landkreisen hat uns sehr erfreut. Als bereits frühzeitig Genoss_Innen aus Mecklenburg- Vorpommern ankamen, hätten wir nicht gedacht, dass diese fast genauso viel sein werden, wie Berliner_Innen, die unsere Demo besuchten. Es ist traurig wie solidaritätsfeindlich einige Berliner Strukturen sind. Samstags noch durch den Kiez gegen einen Naziladen raven und Sonntags den strukturschwachen Gruppen im Speckgürtel die kalte Schulter zeigen.

Allerdings gibt es auch Personen und Gruppen denen wir danken wollen. Die zivilgesellschaftlichen Strukturen Oranienburgs, allen voran dem Forum, die uns sehr unterstützen. Auch möchten wir uns beim Bürgermeister Hans Joachim Laesicke bedanken, dass er trotz „Bauchschmerzen“ an der Demonstration teilnahm. Den Wurzenern dank wir für die Solidarität und Bewerbung unserer Demonstration. Vielleicht schaffen wir es nächstes Jahr Samstag und Sonntag die Demos zu veranstalten und uns so gegenseitig vor Ort solidarisch zu zeigen.

Zum Ende bleibt nur zu sagen, dass dies die erste große öffentliche Kampfansage gegen die Oranienburger Neonazisstrukturen war, der einige folgen werden.

Nazistrukturen in Brandenburg vernichten !

Abschiebeknäste zu Baulücken !

Support your local Dorfantifa !

Die Bilder wurden von Harald Hakenstein vom medienkollektiv Berlin zur Verfügung gestellt: http://medienkollektiv.blogsport.de/
zusehen auf: http://de.indymedia.org/2009/03/245127.shtml

[1] http://de.indymedia.org/2009/03/244894.shtml
[2] http://de.indymedia.org/2009/03/244942.shtml
[3] http://oga.mzv.net/lokales/story.php?id=62527&combi=OGAORALEEG
[4] http://antifagruppeoranienburg.blogsport.de/2009/03/18/stellungnahme-zu-antirademo-part-ii/
[5] http://antifagruppeoranienburg.blogsport.de/2009/03/10/stellungnahme-zu-antirademo/
[6] http://oga.mzv.net/lokales/story.php?id=62744&combi=OGAORALEEG
[7] diverse Antifagruppen, Parteien, Gewerkschaften verlinkten den Aufruf oder das Banner
[8] http://antifagruppeoranienburg.blogsport.de/22032009/redebeitrag-nazilaeden/
[9] http://antifagruppeoranienburg.blogsport.de/22032009/grusswort-wurzen/
[10] http://wahl.oberhavel.de/gemeinden/oranienburg/wahl.html
[11] http://antifagruppeoranienburg.blogsport.de/22032009/redebeitrag-hai/

Weitere Beiträge auf Indymedia zur Demonstration:
http://de.indymedia.org/2009/03/244894.shtml
http://de.indymedia.org/2009/03/244942.shtml

Fotos von der Antira- und von der Nazidemo:
http://www.flickr.com/photos/pavel_buchheim/sets/72157615686685293/
http://www.flickr.com/photos/pm_cheung/sets/72157615768152518/

Berichte und Fotos von Wurzen:
http://de.indymedia.org/2009/03/244844.shtml?c=on
http://de.indymedia.org/2009/03/244861.shtml

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3 Antworten auf “Demobericht AGO”


  1. Gravatar Icon 1 MV Antifagruppe 26. März 2009 um 19:12 Uhr

    Danke für die netten Worte an die AntifaschistInnen aus MV ;) . Ich weiß ja jetzt nicht wie viele da waren, aber unsere Gruppe kam von der Ostsee und hat sich erst Samstag Abend spontan entschieden, den Weg nach Oranienburg anzutreten.
    Wir hatten sehr viel Spaß, auch mit der Staatsmacht. Da wir schon sehr früh angereist waren, wurden wir auf unserem drei Stunden Spaziergang ständig begleitet, teilweise sind einige von uns auch als Nazis durchgegangen (und das obwohl mensch mit eindeutig Antifaschistischen Buttons etc. rumgelaufen ist). Die Polizei war schon lustig drauf und hatte so viel Langeweile, dass sie uns auch beim Fußballspielen beobachtet hat….

    Wir kommen gerne wieder nach Oranienburg!!

    Good night white pride!!

  1. 1 Rückblick auf die Antiratage 2010 « Antifa Gruppe Oranienburg [AGO] Pingback am 24. März 2010 um 16:04 Uhr
  2. 2 Rückblick auf die Antiratage 2010 « Antirassismustage 2010 Pingback am 24. März 2010 um 16:17 Uhr
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