Rückblick auf die Antiratage 2010

Am vergangenen Samstag endeten die Antirassismustage 2010 in Oranienburg. Hauptveranstalter war das Forum gegen rechte Gewalt und Rassismus. Wir, als Antifa Gruppe Oranienburg, fanden den Aufruf als zu schwammig und entwickelten daher eine eigene Mobilisierungskampagne, die allerdings als Ergänzung für die Tage dienen sollte. Unser Motto, welches „Wer schweigt stimmt zu!“ lautete, war dem Forum zu radikal und unserer Aufruf zu lang.

Bei den Beratungstreffen mit dem Forum konnten wir den Mitgliedern nahe legen es dieses Jahr mit einem neuen Konzept zu probieren. Dabei bauten wir vor allem darauf eine Woche lang das Thema Antirassismus und Antifaschismus in die Stadt tragen zu können. Am Ende standen vier Termine und zum Abschluss die traditionelle Demonstration an.

Leider gab es die ganze Woche über eine schwache Resonanz bei den Veranstaltungen. Die Gründe hierfür sind vielseitig. Wir als Antifagruppe werden wahrgenommen in einem Kontext aus Kriminalisierung und der Extremismustheorie. Bereits im vergangenen Jahr hatten wir hier erhebliche Probleme[1]. Wir haben somit scheinbar nicht die Möglichkeit Bürgerinnen und Bürger Oranienburgs mobilisieren zu können. Wir hofften also auf die Zugkraft des Forums und dass wir Jugendliche erreichen können. Beides hat nicht geklappt.

Bei unserer Veranstaltung waren zwar verschiedene Spektren anwesend, leider aber zu wenig. Der Höhepunkt an diesem Abend war vermutlich die Störung durch David Gudra, Philipp Badczong und einem weiteren Neonazi.[2]
Bei dem Konzert am Freitag, auf dem lokale Bands aus verschiedenen Subkulturen teilnahmen waren knapp 80 Jugendliche anwesend und machten diesen Abend zu einem der erfolgreichsten Tage der gesamten Antiratage.

Am Samstag sollte dann das Highlight stattfinden – die alljährliche Antirademo durch Oranienburg. Da wir im vergangenen Jahr unter unserer Anmeldung, mit unserem Motto knapp 350 Menschen auf die Straße brachten (wovon 60 dem Antifaspektrum zuzuordnen waren) setzten wir hier verstärkt aufs Internet und die Mobilisierung im Antifaschistischen Spektrum. Dies ist uns hervorragend gelungen, da zum Anfang ca. 120 Antifas in unserem Block liefen. Leider konnte das Forum die Zahl an Bürger nicht erreichen und hatte ebenfalls nur knapp 100 Menschen in ihren Reihen. [3][4]

Dies macht deutlich, dass scheinbar das Konzept „wenig Inhalt – mehr auf Breite setzen“ komplett misslungen ist. Uns wurde im vergangenen Jahr vorgeworfen die Gewalt in die Stadt zu tragen, sowohl bei dem Anmeldergespräch, wie auch durch Aussagen in den lokalen Medien und des Bürgermeister, in denen schwadroniert wurde, die Autonomen zünden nur Autos an und machen Krawall[5]. Stattdessen war im vergangenen Jahr alles ruhig und wir hatten eine der größten Demonstrationen der vergangenen Jahre.[6] Auf dem Weg vom Bahnhof zur Gedenkstätte versuchten einzelne Neonazis die anreisenden Antifaschist_innen zu provozieren. Der Großteil der Antifas reagierte besonnen und setzte den Weg z.T. lautstark durch.

Während der Demonstration gab es einzelne Schwierigkeiten, wie einem Technikausfall am Bahnhof Oranienburg. Dort sollten wir unseren Redebeitrag verlesen, was leider nicht geschah[7]. Dadurch nahmen einige aus dem Antifablock an, die Demo würde hier ändern. Kurze Zeit später ging es vorbei am Neonaziladen „Adler Armee Shop“ der sich in „Gebrauchtwarenladen“ umbenannt hat, aber immer noch Aktivitäten zeigt(siehe Chronik auf unserem Blog). Einige Nazis grüßten mit dem Hitlergruß aus ihren Wohnungen in der Lehnitzstraße. Immer wieder tauchten am Rande der Demonstration Neonazis auf die Provozierten und Auseinandersetzungen suchten.

1933 wurde die Alte Brauerei in der Berliner Straße in ein „wildes KZ“ umgebaut. Dort hinterlegten wir gemeinsam mit den Genossen der Antifa Jugend Nordost Berlin[JANO] einen Kranz in Gedenken an alle Opfer von Nazis und Neonazis. Dort wendete die Demo und die Blöcke vermischten sich. Es gab noch einen kurzen Stopp am Landratsamt wo die die Flüchtlingsinitiative U.R.I aus Hennigsdorf sprach. Schließlich fand dann die Abschlusskundgebung am Schloss Oranienburg statt, bei der neben den Bürgermeister Laesicke auch Veranstalter_innen vom Protest gegen den Naziaufmarsch am 27.3 in Neuruppin sprachen.[8]

Als die Kundgebung beendet war bildete sich noch mal eine lautstarke und kraftvollere spontane Antifademonstration die zum Bahnhof führte.

Wir haben jetzt einige Tage gewartet, um erstmal zu sehen, was die lokalen Medien und auch das Forum sagen. Die lokalen Medien schwiegen uns zum großen Teil tot.[9][10] Helge Treichel allerdings sah in uns als saufende Provokateure, wie auch die 50 Polizeibeamte.[11]
Diesen Kommentar konnten wir nicht so einfach stehen lassen und schrieben eine Kritik, die Herr Treichel sofort zum Anlass nahm um diese zu veröffentlichen.[12]
In der Besprechung des Forums kamen einige Kritiken an uns und „unseren“ Block auf. Dabei ging es um das Drohgebärden und die Beleidigungen gegenüber den Polizeikräften. Auch Übergriffe auf Neonazis, bei der Anreise wurde kritisiert. Als ein Grund, warum einige Bürger nicht an der Demonstration teilnehmen wollten, war u.a. dass die Demonstration zu „Antifa-dominiert“ gewesen sein soll. Dies können wir nur zurückweisen, denn die Hauptstruktur war und ist das Forum. Wenn dieses keine flächendeckende Mobilisierung hinbekommen und die Bürger unser Mobistuff mehr mitbekommen, kann uns dies nicht zur Last gelegt werden. Die Skepsis, aber auch die Wahrnehmung, dass mensch nicht ohne den anderen kann hat sich auch nach dieser Antirademo nicht verändert. Stattdessen beginnt wieder die Diskussion, ob eine Demonstration in Oranienburg der richtige Weg ist um die Menschen an das Thema Antirassismus zu bringen.

Nach unserer Einschätzung ist diese Demonstration notwendig, da sie eine Verbindung von Autonomer Antifa/Antiraarbeit und Zivilgesellschaft darstellen kann. Wenn nicht am Welt-Antirassismustag, wann dann?!

Wir bedanken uns bei den vielen Antifaschist_innen, die ihren Weg nach Oranienburg gefunden haben. Wir hoffen, dass im nächsten Jahr noch mehr Antifas und vor allem mehr Bürger_innen an der Demonstration und an eventuellen anderen Veranstaltungen teilnehmen.

[1] Oranienburger Generalanzeiger vom 14.03.2009
[2] http://antifagruppeoranienburg.blogsport.de/2010/03/18/naziprovokation-bei-antifa-info-veranstaltung/
[3] Bericht und Bilder Antifa Westhavelland: http://westhavelland.antifa.net/AGW%20aktuelles_Maerz_2010.htm
[4] Bericht und Bilder Medienkollektiv Berlin: http://medienkollektiv.blogsport.de/2010/03/21/oranienburg-demo-anlaesslich-des-internationalen-tages-gegen-rassismus-2010/
[5] http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/164341/
[6] http://antifagruppeoranienburg.blogsport.de/2009/03/25/demobericht-ago/
[7] http://antifagruppeoranienburg.blogsport.de/2010/03/24/redebeitrag-antirademo-2010/
[8] Infos: http://ina.blogsport.de
[9] http://www.die-mark-online.de/nachrichten/kreis-oberhavel/oranienburg-ohne-residenzpflicht-bitte-683276.html
[10] http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11758179/61129/Protestzug-durch-Oranienburg-Demokraten-fallen-nicht-vom-Himmel.html
[11 ]http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/ziel/604050/DE?search=normal&suchbegriff=krawallig&zeitraum=Alle+Jahre&tag_eins=1&monat_eins=1&jahr_eins=2001&tag_zwei=1&monat_zwei=1&jahr_zwei=2001&id=2068434
[12] http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/ziel/604050/DE?search=normal&suchbegriff=Oranienburg&zeitraum=Alle+Jahre&tag_eins=22&monat_eins=3&jahr_eins=2010&tag_zwei=23&monat_zwei=3&jahr_zwei=2010&id=2069707

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