Dritter Neonaziladen binnen eines Jahres geschlossen

1 Jahr 3 Läden

Seit 2004 hatte Oranienburg einen unscheinbaren kleinen Neonaziladen. Nun gaben die Neonazis freiwillig auf und zogen zum 30.09.2011 aus, obwohl ihr Mietvertrag noch bis zum 31.12.2012 galt. Zeit für einen ausführlicheren Rückblick auf diesen Laden, seine Schließung und andere Neonaziobjekte oder von Neonazis genutzt Objekte.

Der Neonazi Holger Frasch aus dem westfälischen Hamm war der erste Neonazi, der das Ladenobjekt am ehemaligen Getreidespeicher in Oranienburg mietete. Er nutzte den Laden als Geschäft für Bekleidung und allerhand Dinge, die der Neonazi von heute gebrauchen kann. Bereits 2001 eröffnete Frasch mit einigen Kameraden den „West-Versand“, einem Online-Neonaziversand. Geschlossen wurde dieser 2007, als Hackangriffe seitens der Datenantifa(2005,2006,2007) für ein Ausbleiben von Kunden sorgten. Hintergrund war das Offenlegen der gesamten Kundendatenbank, weshalb es viel Kritik an der Sicherheit der Seite gab. Vermutlich deswegen verzog es ihn komplett nach Oranienburg und er gründete eine Familie. Im März 2009 erklärte er bei einem Prozess, dass er aus der neonazistischen Szene aussteigt. Auch erklärte er, den Laden 2007 aufgegeben zu haben bzw. den Laden an einen anderen weitergegeben zu haben.

Bei dieser Person handelte es sich um Sascha Stein, der der letzte Gauführer „Preussen“ der verbotenen Wiking-Jugend war. Seine angeheiratete Familie ist die Familie Böhm, die seit Jahrzehnten in der Neonaziszene aktiv ist, besonders in der Führungsriege der inzwischen ebenfalls verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend. Der „Adler Armee Shop“, wie ihn Sascha Stein inzwischen nannte, diente Anfangs ebenfalls als Verkaufsgeschäft. Er verkaufte allerdings nicht mehr ausschließlich Neonazidevotionalen, sondern mehr Survival-, Security- und Armeeausrüstung. Gleichzeitig eröffnete er eine Internetseite, welche dazu dienen sollte Survivaltraining anzubieten. Die Seite allerdings wird unregelmäßig bis gar nicht aktualisiert. Bereits 2009 übergab man uns Informationen und ein T-Shirt, welches Sascha Stein drucken lies. Die Überlegung war der Aufbau einer Pseudo-Kameradschaft namens „Kampftrupp“ innerhalb seiner Räumlichkeiten. Die Gruppe junger rechtsoffener Jugendlichen hatte allerdings kein Interesse an einer Organisierung. Zu diesem Zeitpunkt hatte Sascha Stein auch noch ein anderes Betätigungsfeld, die HDJ. Bis kurz nach dem Verbot waren die HDJ-Neonazis recht aktiv im Umland von Oranienburg, aber auch der Laden stand in Verbindnung mit den Aktivitäten. Beispielswiese berichteten Anwohner_innen über Trommelgeräusche, die vom Gelände des Ladens zu hören waren.

Im Sommer 2010 gab es Informationen, dass Stein den Laden ausgeräumt hätte und es häuften sich Beschwerden wegen zu lauter Musik aus dem Laden. Inzwischen ergeben Indizien, dass zu diesem Zeitpunkt ein Betreiberwechsel stattgefunden haben muss. Der Verfassungsschutz schreibt in seinem aktuellem Bericht, dass die Betreiber die örtliche Jungen Nationaldemokraten sind und dort Veranstaltungen verschiedenster Art stattfanden. Mitte des Jahres 2011 platzte dann eine kleinen Bombe, als mehrere Printmedien berichteten, dass 5 von 8 Neonazikonzerte Brandenburgs in Oranienburg stattfanden. Nach kurzen Recherchen wurde bekannt, dass diese im „nationalen Jugendzentrum Oranienburg“ stattfanden, wie inzwischen junge Neonazis in Oranienburg den ehemaligen Getreidespeicher nannten.

Nachdem dies bekannt wurde und auch weil wir betreits seit drei Jahre regelmäßig über den Laden und seine Mieter berichteten, schaltete sich die Stadt ein, traf sich mit dem Vermieter und konnte eine Kündigung zum 31.12.2012 erwirken bzw. dafür sorgen, dass der Mietvertrag nicht verlängert wird. Wir freuen uns, dass die Stadt recht schnell reagierte, als die Aktivitäten des Ladens überregional zunahm. Allerdings muss eine Kritik, seitens des Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt, aber auch der Stadt gegenüber der örtlichen Polizei formuliert werden. Es kann nicht sein, dass jede belanglose Kleinigkeit eine Pressemitteilung wert ist, aber wenn überregionale Treffen der Neonaziszene stattfinden, die Bevölkerung nicht informiert wird. Besonders wenn Polizeikräfte den Laden überwachen, gefährdenden Ansprachen durchführen oder auch mal eine Razzia/Durchsuchung durchführen.
Das Akzeptieren des Ladens in der Kreisstadt durch die Polizeikräfte, bzw. deren Informationsboykott gegenüber Stadt und Bürger_innen steht im Kontrast zum Engagement von Stadt und Bürger_innen.

Was uns ebenfalls irritiert ist, dass die Neonazis ihren Vertrag freiwillig kündigten und auszogen, obwohl Neonazis bekanntlich gerne über einen längeren Zeitraum ein juristischen Streit vom Zaun brechen.

Das „nationale Jugendzentrum“ bzw. der „Adler“ oder wie auch immer die Räumlichkeit genannt werden soll, ist somit der dritte Neonaziladen in Oberhavel, welcher binnen einem Jahr dicht macht. Zum Anfang des Jahres gab der Betreiber des Hohen Neuendorfer „Hammer“ auf. Grund hierbei waren unsere Recherchen, sowie ein Farbanschlag von Berliner Genoss_innen, welche Gäste verschreckte. Und Mitte diesen Jahres schloss nach acht Jahren auch endlich der Hennigsdorfer „On The Streets“. Wir freuen uns, dass nun drei regional wie überregional relevante Läden dicht gemacht haben und die lokalen Strukturen leicht geschwächt werden. Doch bleibt zu vermuten, dass sie bereits Ausweichobjekte haben oder bestehende nutzen, wie z.B. ein Privatgrundstück von Reimar Leibner in Buberow.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • MySpace